‚Der Strand ist rot von Blut‘
Stockholm, 10. Juni –
Zug um Zug mit zuverlässigen deutschen Aufschlüssen über die Entwicklung der Invasionskämpfe laufen hier in dem neutralen Nachrichtentreffpunkt die ersten näheren Berichte von den Erfahrungen der englisch-amerikanischen Invasionstruppen ein – soweit diese in der Lage waren, über ihr Ergehen noch etwas hören zu lassen.
Ein Mann von dem US-Transporter Henrice meldet folgendes:
Als unsere Landungsschiffe, mit Fahrzeugen und Personal an Bord, genau 6,45 Uhr Landberührung hatten, eröffneten die Deutschen aus verborgenen Stellungen heftiges Feuer gegen uns. Welle um Welle gut gedrillter Soldaten watete an Land. Die wenigen, die den tödlichen Feuergarben entgingen und denen es gelang, sich einzugraben, beantworteten das deutsche Feuer mit Gewehren und Karabinern. Die unentbehrlichen Tanks versanken in der siedenden Brandung. Von ihren Höhenstellungen aus richteten die Deutschen ihre Granatwerfer und MG‘s gegen die Angreifer, die ohne Aufenthalt an Land sprangen, den Tod vor Augen. Obwohl eine Gruppe nach der anderen fiel, versiegte der Strom der neuankommenden Soldaten nicht. Die ersten Kämpfe des Invasionstages heischten sehr große Opfer.
Ein anderer US-Berichterstatter, der an Bord des Transporters Thomas Jefferson die Überfahrt machte, erzählt:
In der Brandung vor dem Strand kenterten einige Landungsfahrzeuge, viele von den Soldaten und Seeleuten ertranken, als sie den Strand durch die starken Minensperren zu erreichen suchten. Unser Sturmbataillon litt schwer unter dem feindlichen Feuer und der groben See. Sehr viel an Ausrüstung mußte in den Landungsprähmen zurückgelassen werden, während kampfungewohnte Truppen an Land stürzten, um sich im Sande einzugraben. Die Deutschen eröffneten Kreuzfeuer und isolierten ein um das andere Mal Abschnitte des Strandes. Da unsere Transporter mit Material nicht herankommen konnten, wurden sie zu anderen Landungsplätzen dirigiert. Bald liefen Berichte ein, wonach Minen einige Landungsschiffe gesprengt hätten, wobei die Mannschaft getötet, Geschütze und anderes, dringend benötigtes Material zerstört wurden. 11,15 Uhr setzten unsere Kriegsschiffe ein furchtbares Bombardement in Gang, um den schweren Druck zu entlasten, der auf den Truppen an Land lag. Vor den Küsten spielten sich arge Szenen ab. Viele Transporter konnten nicht landen, sondern kreisten umher in der Erwartung, daß eigenes Artilleriefeuer die Küsten „säubern“ sollte, damit sie näher an Land herankommen könnten. Die Flut verbarg Unterwasserminen, die nicht unschädlich gemacht worden waren. Leutnant John Kolody, der zwei Fahrten zu einem Brückenkopf gemacht hatte, sagte, schon bei seinem ersten Besuch sei der Strand rot von Blut gewesen. Er hatte einen Offizier getroffen, dessen ganze Abteilung niedergemäht worden war.
Verwundert stellen die neuesten englischen Berichte fest, das Schwergewicht der deutschen Verteidigungsanlagen scheine nicht in den Befestigungen am Strande zu liegen, wo man eine fortlaufende Linie von Betonwerken vermutet hatte, sondern es handle sich um ein Tiefensystem mit motorisierten Formationen als Zwischengliedern. Nervös fragen Londoner Blätter nach der deutschen „Gegenoffensive.“ Es sei doch etwas seltsam, daß die Deutschen nicht überall sofort versucht hätten, gegen die Angreifer mit großen Kräften vorzugehen. Man war sich klar darüber, daß die kritische Phase kommen würde mit dem Einsatz der deutschen Hauptkräfte. Diese Krise, so heißt es jetzt auf der Gegenseite, drohe mit Sturmschritten zu nahen. Der Masseneinsatz der englisch-amerikanischen Luftstreitkräfte sei hauptsächlich gegen diese Gefahr gerichtet. Auf der anderen Seite wird die wachsende deutsche Luftaktivität zugegeben.