England und USA. verschweigen weiter die Verlustzittern
Gereizte Stimmung durch die Schiffsraumsorgen
Von unserer Stockholmer Schriftleitung
Stockholm, 29. Jänner –
Die neuerliche Weigerung der britischen Regierung, die eigenen Tonnageverluste bekanntzugeben – seit Juni 1941 wurden keine Angaben darüber veröffentlicht – hat, wie Dagens Nyheter schreibt:
…eine gewisse gereizte Stimmung in verschiedenen Kreisen hervorgerufen.
Diese Kreise stehen auf dem Standpunkt, daß die englische Öffentlichkeit nicht ausreichend über die Bedeutung der U-Boot-Gefahr unterrichtet wird, und der Manchester Guardian gibt dieser Geheimnistuerei der englischen und amerikanischen Regierung die Schuld, wenn die öffentliche Meinung auf diese Weise zu sehr wenig optimistischen Schlußfolgerungen gezwungen werde.
So schreibt das Blatt:
Bevor wir nicht von der englischen und amerikanischen Regierung offizielle Ziffern erhalten dürfen wir nicht getadelt werden, wenn wir vermuten, daß unsere Fahrzeugverluste im vorigen Jahr höher waren als die im kritischesten Jahr des vorigen Weltkrieges.
Die Zeitung bezweifelt schließlich sogar die Richtigkeit der wenigen über die U-Boot-Bedrohung herausgegebenen offiziellen Angaben und gibt die Feststellung eines amerikanischen Blattes wieder, in der es heißt, daß die offizielle Mitteilung, es seien im vorigen Jahr mehr Fahrzeuge gebaut worden, als versenkt wurden, nur dann korrekt sei, wenn man Passagierdampfer (also Truppentransporter) und Tanker nicht mitrechne.
Der Londoner Vertreter von Dagens Nyheter berichtet dazu, daß sich die kommenden Debatten um die britische Kriegführung mehr und mehr auf das U-Boot-Problem konzentrieren werden. Eine immer größere Gruppe von Sachverständigen ginge von dem Standpunkt aus, daß die U-Boot-Waffe als einer der Hauptfaktoren in der deutschen Strategie angesehen werden müsse.
England will von der Abwürgung loskommen
Schon aus dem ersten englischen Echo aus Casablanca war zu entnehmen, wie stark in der britischen Öffentlichkeit das Aufsehen darüber war, daß in der offiziellen Verlautbarung über das Roosevelt-Churchill-Treffen mit keinem Wort die Tonnagefrage berührt worden ist. Aus unterrichteten Londoner Kreisen wird jedoch bekannt, daß die Tonnagefrage tatsächlich den Hauptgegenstand der politischen und militärischen Besprechungen in Casablanca gebildet hat. Churchill habe die folgenschweren Auswirkungen der anhaltend hohen Schiffsverluste auf die Versorgungslage Englands zum Anlaß genommen, um Roosevelt die Schiffsräumfrage als das Kriegsproblem Nr. 1 hinzustellen, von dessen Lösung der Ausgang des Krieges abhänge.
Die britische Öffentlichkeit, so verlautet in diesen Kreisen weiter, sei weniger daran interessiert, ob in Casablanca der englisch-nordamerikanische Gegensatz in Nordafrika behoben und die Einigung zwischen den französischen Generalen de Gaulle und Giraud vollzogen worden ist, als daran, ob sich mit Hilfe der Vereinigten Staaten ein gangbarer Weg finden läßt, um England aus der Abwürgung durch den Ü-Boot-Krieg der Achse zu erlösen.
Keine Baumwollkäufe in Ägypten
Die Vereinigten Staaten haben die ägyptische Regierung, wie aus Ankara berichtet wird, davon verständigt, daß sie infolge Mangels an Schiffsraum nicht in der Lage sind, die in Aussicht gestellten Baumwollkäufe zu tätigen. Das bedeutet, daß fast die gesamte letzte ägyptische Baumwollernte unverkauft bleibt und das durch den Krieg bereits schwer geschädigte ägyptische Wirtschaftsleben neuen schwersten Schaden erleiden muß.
Kein Öl aus Venezuela
Die englische Zeitschrift Financial News befaßt sich mit dem Schaden, den Venezuela durch den Kriegseintritt der USA. und insbesondere durch die damit zusammenhängende Ausdehnung der deutschen U-Boot-Operationen auf die Karibische See seit diesem Zeitpunkt erlitten hat und weiter erleidet. Der Reichtum Venezuelas an öl sei geradezu durch die umfangreichen Tankerversenkungen zur Ursache der heutigen Schwierigkeiten geworden. Infolge der ständigen U-Boot-Bedrohung sei der Schiffs- und insbesondere der Tankerverkehr fast vollständig zum Stillstand gekommen. Seitdem habe die Ölproduktion zum Teil sogar praktisch eingeschränkt werden müssen.
Die Schiffsraumschwierigkeiten verursachten aber recht merkliche Versorgungsstörungen, Venezuela sei nämlich stets auf Einführen von Getreide, Reis, Zucker, Kartoffeln und Speisefett angewiesen, die es früher gegen öl, Kaffee, Kakao, seine Hauptausfuhrgüter, ein tauschte. Auch dieser Handel leide schwer unter den Einschränkungen des Schiffsverkehrs, ohne daß Venezuela selbst die Möglichkeit besäße, die ihm fehlenden Nahrungsmittel zu erzeugen.
Teilgeständnis aus Washington
dnb. Stockholm, 29. Jänner –
Das USA.-Marineministerium gab bekannt, daß Anfang Jänner aus einem Geleitzug an der Nordküste Südamerikas drei mittelgroße und ein kleines USA.-Handelsschiff durch Achsen-U-Boote versenkt wurden. Die überlebenden landeten in Miami.
Auch für verheiratete Frauen –
Erweiterte englische Arbeitspflicht
Eigener Bericht des „VB."
rd. Stockholm, 29. Jänner –
Der englische Arbeitsminister Bevin hat, einer Reuter-Meldung aus London zufolge, im englischen Unterhaus neue Maßnahmen zur vollständigen Erfassung aller verfügbaren männlichen und weiblichen Arbeitskräfte angekündigt. Unter anderem ist England jetzt gezwungen, den obligatorischen Arbeitsdienst für verheiratete Frauen einzuführen.