Casablanca Conference

Völkischer Beobachter (January 30, 1943)

Keine Begeisterung für Casablanca –
Zweikampf Giraud-de Gaulle geht weiter

vb. Wien, 29. Jänner –
Wie schon die ersten offiziellen Mitteilungen über die Konferenz von Casablanca zwischen den Zeilen erkennen ließen, ist es nicht gelungen, die Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Cliquen der französischen Separatistengenerale aus der Welt zu schaffen. Das Versöhnungstheater zwischen Giraud und de Gaulle war eine reine Bühnenszene. Nachdem der Vorhang gefallen ist, geht der Kampf in aller Schärfe weiter.

So weist die Presse in Französisch-Nordafrika, die der Kontrolle Girauds untersteht, mit Nachdruck darauf hin, de Gaulle sei in Casablanca praktisch durchgefallen. Nur Giraud sei eingeladen worden, an der Besprechung der Generalstabschefs teilzunehmen. De Gaulle dagegen nicht. Umgekehrt tritt die Times Berichten in der Presse Girauds entgegen, nach denen die Konferenz in Casablanca Giraud als den alleinigen Sachwalter der französischen Interessen anerkannt habe. Dies sei „ein Mißverständnis.“ Die Konferenz habe nichts Derartiges beschlossen. Es sei lediglich ein Verbindungsausschuß ernannt worden. Die Stellung Girauds in Nordafrika sei anerkannt, ebenso jedoch bleibe die Stellung de Gaulles in anderen Gebieten unangetastet. Deutlicher kann nicht gesagt werden, daß auch Roosevelt und Churchill zu keiner einheitlichen Auffassung in dieser Streitfrage gelangt sind.

Konferenz der Nichtigkeiten

Aus Neuyork wird berichtet, daß die erste Begeisterung der Presse über Casablanca, die die Daily Mail als „ersten großen Sieg im Nervenkrieg“ proklamierte, bereits nach 24 Stunden schwachen und müden Kommentaren Platz gemacht habe. Die maßgebenden politischen Kommentatoren in Washington machten keinen Hehl aus dem negativen Ausgang der Besprechungen, den sie wie folgt charakterisierten: Stalin sei nicht erschienen, Tschiangkaischek sei nicht erschienen, volle Einigung zwischen Giraud und de Gaulle sei nicht zustande gekommen, die Schaffung eines einheitlichen Oberkommandos sei anscheinend nicht erreicht worden, die Schaffung eines großen Rates sei nicht vorgenommen worden.

„Diesmal haben die Oberhäupter der Demokratien alles endgültig geordnet, künftig läuft alles wie auf Schienen,“ schreibt die spanische Zeitung Solidaridad Nacional ironisch zu dem anglo-amerikanischen Geschrei um Casablanca. Dummerweise, so fährt das Blatt fort, sei aber bereits vor einem Jahr in einer Churchill-Roosevelt-Erklärung schon einmal „alles geordnet und endgültig in Betrieb gesetzt“ worden. Aber weitere 103.000 BRT. versenkten Schiffsraumes hätten das Fest in tragischer Weise verdorben, anscheinend sei doch nicht alles „endgültig geordnet“ worden.

Im übrigen hat die zehntägige Konferenz von Casablanca auch noch ein militärisches Nachspiel. Nach der Abreise der Politiker sind die Militärs unter sich geblieben und setzen in Algier ihre Beratung fort. Im Hauptquartier des amerikanischen Oberkommandierenden in Nordafrika, General Eisenhower, tagen der Generalstabschef der USA. Marshall, der britische Oberbefehlshaber des Vorderen Orient Alexander und als Vertreter der beiden Flotten der Amerikaner Clark und der Brite Pound. In London gibt man der Erwartung Ausdruck, daß sich als nachträgliches Ergebnis von Casablanca eine Verschmelzung des Flottenkommandos im Atlantik erzielen lasse. Gegenwärtig operierten Amerikaner, Engländer und sogar die Kanadier auf eigene Faust.

Auf den Spuren der Sklavenhändler –
Roosevelt inspiziert Liberia

Stockholm, 29. Jänner –
Wie das Weiße Haus bekanntgab, hat Roosevelt auf der Rückfahrt von Casablanca nach den Vereinigten Staaten den Umweg über Liberia gewählt, um dort, wie es in diplomatischer Glätte heißt, dem „Staatspräsidenten“ einen Höflichkeitsbesuch zu machen. Welcher tiefere Zweck hinter diesem Höflichkeitsbesuch steht, wird aus der Schilderung des Ablaufs der Visite ersichtlich. Danach zeigte sich Roosevelt besonders interessiert, „die in Liberien befindlichen, zahlenmäßig starken Negertruppen zu inspizieren,“ auf gut deutsch: Roosevelt zog an Ort und Stelle Erkundungen ein, wie weit sich die Neger von Liberia als Kanonenfutter für die USA. verwenden lassen.

Im Anschluß an seine Inspektionsreise nach Liberia hatte Roosevelt einer Reuter-Meldung aus Rio de Janeiro zufolge in Natal eine Konferenz mit dem brasilianischen Präsidenten Vargas.

Giraud zeigt großen Eifer –
Senegaltruppen an die Front

Nach der Konferenz von Casablanca hat Giraud seine Anstrengungen verdoppelt, sich den Amerikanern dienstbar zu erweisen und um gegenüber seinem Rivalen de Gaulle seine Position zu verstärken. Sein Versprechen an General Eisenhower, aus Marokko und Algerien große Eingeborenen Truppenkontingente zur Verfügung zu stellen, konnte bisher nicht erfüllt werden, da der Widerstand im Lande gegen die Rekrutierung groß ist. Giraud hat infolgedessen auf Westafrika zurückgegriffen, wo die Rekrutierung jetzt mit allen Mitteln betrieben wird. Giraud hat seinen Vertrauensmann in Dakar beauftragt, augenblicklich das erste Kontingent von Senegaltruppen nach Algerien zu bringen. Dazu wird gemeldet, daß von Dakar ein Geleitzug in See ging, der eine Anzahl von Senegaltruppen an Bord hat.