Englische Stimme zur Verworrenheit der Kriegsziele –
Wofür kämpft der amerikanische Soldat?
Genf, 15. Juni –
„Erfolg und Kampfgeist eines auf fremden Boden kämpfenden US-Heeres werden am leichtesten gewährleistet, wenn die Kriegsziele so einfach wie möglich dargelegt werden,“ schreibt Saturday Evening Post.
In dem Artikel wird auf einen Brief hingewiesen, den der Militärkritiker der New York Times von einem Unteroffizier des US-Heeres erhalten hat. Der Unteroffizier sagte, daß von all den eben eingezogenen nordamerikanischen Männern, die ihm begegnet seien, diejenigen an den Fingern abgezählt werden könnten, „die eine grundlegende, klare Vorstellung über diesen Krieg haben.“ Diese Verworrenheit sei nicht schwer zu verstehen. Der einleuchtende Grund dafür sei die Tatsache, „daß wir nicht unseren eigenen Boden verteidigen.“ Unglücklicherweise herrsche über die praktische Anwendung solcher Grundsätze, wie sie die Atlantik-Erklärung und andere darstellen sollten, keine richtige Einstimmigkeit. So lese man, daß Churchill sie nicht für Deutschland in Anwendung bringe und anscheinend einer Lösung der polnischen Frage zustimme, durch die die Sowjets den größten Teil Polens schlucken würden. Stalin schließe auch die baltischen Staaten davon aus.
Der in Verwirrung geratene Amerikaner, der sich als Verfechter des „freien Unternehmertums“ betrachte, erkenne viel Agitationsmache mit dem Schlagwort von der Zerstörung der deutschen Militärmacht, die man als Vorwand für die Zerstörung des deutschen Industriesystems benutzen wolle. Eine beachtenswerte Gruppe Amerikaner nehme an, daß „wir kämpfen, um in Deutschland die Form von Wirtschaft zu zerstören, die wir in Amerika verteidigen.“
Noch verwickelter gestalte sich die Situation dadurch, daß Schriftsteller und Propagandisten laut verkündeten, daß die Atlantik-Erklärung Schwindel sei, falls Polen nicht genau seine Grenzen von 1939 wieder hergestellt bekomme, während andere wieder verkündeten, die Atlantik-Erklärung fordere, Polen und die baltischen Staaten den Sowjets auszuhändigen, oder, alle Soldaten der Alliierten kämpften vergebens, falls die Forderungen der unbefriedigten Gruppen von Neuyork bis Kalkutta nicht vollständig liquidiert würden. Der Brief des oben zitierten US-Soldaten zeigt eindeutig, wie verworren das ganze Gerede von sogenannten Kriegszielen der Alliierten ist. Die Eingeständnisse dieses amerikanischen Soldaten sprechen Bände.
Bradley Montgomery unterstellt
b—r. Bern, 15. Juni –
In London wurde mitgeteilt, daß der englische General Montgomery zum Befehlshaber aller anglo-amerikanischen Streitkräfte auf französischem Boden ernannt worden ist. Der amerikanische General Bradley wurde ihm unterstellt.
Als vor etwa einem halben Jahr die Ernennung der Befehlshaber für die „Zweite Front“ bekanntgegeben wurde, bezeichnete sie Montgomery als Befehlshaber der englischen und Bradley als Befehlshaber der nordamerikanischen Streitkräfte unter Eisenhower.
Bei Beginn der Invasion am 6. Juni wurde Montgomery in den ersten Meldungen schon als Befehlshaber aller beteiligten Streitkräfte, Engländer, Kanadier und Amerikaner, genannt. Jetzt ergibt es sich anscheinend, daß er nur das Kommando der im Brückenkopf zwischen Orne- und Viremündung eingesetzten Streitkräfte hatte, während Bradley für das Gebiet des zunächst isolierten Brückenkopfes nördlich Carentan selbständig neben Eisenhower stand. Wenn jetzt erst, neun Tage nach Beginn der Operationen, eine Änderung der Kommandoverhältnisse vorgenommen und der amerikanische dem englischen General unterstellt wird, so hängt das wohl nicht nur damit zusammen, daß die Brückenköpfe allmählich zusammengewachsen sind und daher einer einheitlichen Leitung bedürfen, die ja durch Eisenhower ohnehin gewährleistet sein sollte, vielmehr drückt sich darin offenbar eine Kritik an der Leistung Bradleys aus, dessen Brückenkopfgebiet bisher nur wenig ausgeweitet worden ist und dessen Vorstöße gegen den von der anglo-amerikanischen Strategie angestrebten Hafen Cherbourg kaum von der Stelle gekommen sind.