Operation OVERLORD (1944)

Enttäuschung und Ernüchterung der Invasionisten –
Vergebliche Hoffnung auf französische Helfer

h. r. Madrid, 12. Juni –
Die Enttäuschung der Anglo-Amerikaner über die völlig mangelnde Mitarbeit der französischen Bevölkerung bei der Invasion läßt sich nicht mehr länger verschweigen. Der Mythos einer zweckvollen französischen Widerstandsbewegung, der seit Monaten und Jahren von den alliierten Nachrichtenzentralen der Welt vorgespielt wurde, bricht jäh vor den Augen der eigenen Landetruppen zusammen.

Weder die vorhergegangenen Aufrufe an die Franzosen, mit den sogenannten Befreiern Hand in Hand, zu arbeiten, noch die rührenden Geschichten der anglo-amerikanischen Kriegskorrespondenten, die von heroischen Mädchen und patriotischen alten Männern berichteten – Geschichten, die den gleichen Propagandastellen zu entstammen schienen, die die „jubelnde befreite Bevölkerung Italiens“ erfand – vermögen die Franzosen zu einer aktiven Zusammenarbeit mit den Landetruppen zu bewegen.

Der US-Korrespondent der Madrider Zeitung Arriba zitiert die bezeichnenden melancholischen Sätze der New York Times:

Unsere Soldaten brauchen die größte Unterstützung eines jeden französischen Zivilisten. Wieviel leichter würde die Aufgabe sein, wenn dort der Geist der Marseillaise von 1792 wieder erwacht wäre. Die Landung würde unter glücklicheren Vorzeichen stehen, wenn sie von etwas mehr als nur einer Vereinbarung zwischen de Gaulle begleitet wäre.

Den gleichen Skeptizismus äußert das Madrider Blatt Pueblo:

Es ist wenig wahrscheinlich, daß die Haltung der Franzosen gegenüber den deutschen Kräften zu einem wirkungsvollen Mittel der alliierten Aktionen wird.

Auch die spanische Wochenschrift Espagnol stellt fest:

Die französische Bevölkerung hat in keiner Weise feindliche Handlungen gegen die Deutschen unternommen, sei es, weil sie so grausam unter den alliierten Bombardierungen litt, oder ganz einfach, weil sie kriegsmüde ist.

Die Gründe hiefür seien aber unwichtig, meint das Blatt. Die Hauptsache sei, daß dadurch die deutsche Abwehr den Rücken frei habe, um ohne Schwierigkeiten operieren zu können.

Alle militärischen Betrachter der spanischen Blätter weisen nach wie vor darauf hin, daß die Invasion noch immer in der ersten Phase stecke. Deutschland verfolge lediglich den großen strategischen Plan, die Masse der Invasionstruppen in Frankreich zu schlagen. Dies könne im Hinterland des heutigen Brückenkopfes geschehen oder auch an anderen Stellen, wenn neue, vielleicht noch stärkere Landeplätze gesucht werden sollten. Hinsichtlich des Ablaufes der Kämpfe an der normannischen Küste schreibt das ABC:

Eisenhower dürfte wissen, daß die heutigen Anstrengungen nicht genügen, um einen wichtigen Erfolg zu erreichen. Der geringe Gewinn, der nach sechs furchtbaren Kampftagen unter schwersten Verlusten erzielt wurde, ist ein kleines Beispiel für die Kostspieligkeit einer Offensive, die die Entscheidung bringen soll. Die Hartnäckigkeit der deutschen Verteidigung erfordert vom Angreifer eine drei bis Vierfache Übermacht, und es scheint zweifelhaft, ob Eisenhower über solche Kräfte verfügt.