Die Weissagung von Caen
pk. Sagen und Märchen haben in dieser Zeit scheinbar ihren Sinn verloren. Wie lange ist es her, daß wir kein Buch mehr gelesen, daß wir in keiner Frontbuchhandlung mehr geständen haben? Wo sind die Werke, die wir zurücklassen mußten, weil wir unser Gepäck immer und immer wieder verkleinern mußten? Heute geht mir eine Geschichte nicht aus dem Sinn, eine dunkle Ballade, eine alte Volkssage, die hier im Angesicht der Normandie, vor der zerstörten Stadt Caen, doppelte Bedeutung erhält.
Es war einige Monate vor der Invasion, als ich diese herrliche Stadt, die mehr noch als Rouen Haupt und Herz der Normandie genannt werden kann, zum letzten Mal besucht hatte. Ich stand vor der Kirche Sainte-Trinité, welche die Gemahlin Wilhelms des Eroberers, Mathilde von Flandern, gestiftet hat, ich stand in Saint-Étienne, wo der Eroberer Englands selber begraben liegt. Auf der Empore stand ich neben der Orgel und hatte wirklich manchmal das Gefühl, zu fahren, wie einst die alten Ritter, die dort hinten im Chor mit ihrem Herzog sich Verewigt hatten, wenn ihre Geschlechterwappen im Gestänge des Gitters hingen und in ihren bunten Farben mit den Kirchenfenstern um die Wette leuchteten.
Neben mir stand ein Mann aus Caen, der ebenso gut ein Bauer wie ein Lehrer sein konnte und der mit seinen fünf Knaben ebenfalls auf den Orgelboden hochgestiegen war, um ihnen das Kleinod ihrer Heimat zu zeigen. Ich kam mit dem Mann in ein Gespräch, das sich um die angekündigte Invasion drehte und um das Schicksal, das dieser Stadt dann vielleicht drohen könnte. Nein, er glaube nicht an die Invasion, sagte jener Mann damals, und er wolle auch nicht, daß die Engländer kommen würden. Caen zu zerstören, sei ein Wahnsinn, den er sich niemals vorstellen könne. Und dann erzählte er mir die Sage von seiner Vaterstadt und der Geschichte des englischen Weltreiches, das auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksal dieser Stadt verbunden wäre. Wenn Caen einmal zerstört werden solle, dann sei auch das Ende des britischen Reiches nicht mehr fern, mit seinen Domen stürze auch das Gebäude des englischen Königreiches zusammen, das sich dann endgültig soweit von der Gründung Wilhelms des Eroberers entfernt hätte, daß es reif zum Untergang sei.
So sprach der normannische Bauer, oder was er sonst gewesen ist, und ich erinnere mich erst heute wieder all seiner Worte und der Geste, mit der er seinen blonden Söhnen über die Scheitel strich, als wenn er sie behüten müsse vor einem dunklen Schicksal, das ihnen auferlegt werden könnte. Vielleicht lebt der Mann mit seinen fünf Söhne heute schon nicht mehr, der mir dort an einem Sonntag das Geheimnis seines Landes anvertraut hat. Vielleicht liegt er schon unter den Trümmern seines Hauses begraben wie Tausende seiner Mitbürger, vielleicht irrt einer oder der andere der Knaben jetzt vater- und mutterlos durch das Land, weil anglo-amerikanische Luftgangster ihre Heimat zur Wüste und ihre Stadt zu einem Schutthaufen gemacht haben. Caen, die herrliche, die Gründung Wilhelms des Eroberers, ist nicht mehr. Wie zahllos andere normannische Städte, wie Coutances, Avranches, Lisieux und Bayeux, die keine andere militärische Bedeutung hatten, als daß sie in jenem Küstenstreifen lagen, den die Engländer für ihre Invasion ausersehen hatten, ist es sinnlos zerstört worden. Längst blieb kein Stein mehr auf dem anderen, Flammen züngeln aus Tor und Gebälk. Rauch steigt auf, eine süße, stickige Luft erfüllt den Himmel, Krähenschwärme ziehen darüber, hinter endlosen grauen Weiten sucht das Auge vergebens den Horizont.
Und dennoch kann so ein Ereignis, kann ein einzelnes Menschen- oder Städteschicksal nicht ohne Zusammenhang sein mit dem großen Geschehen. Der Mann aus Caen hatte schon recht, wenn er die alte Volkssage erzählte und die Weissagung wieder aufleben ließ, daß auch ein Weltreich nicht bestehen kann, wenn es auf solchen Methoden der Völkerunterdrückung und des Mordes aufgebaut ist. Es gibt eine höhere Gerechtigkeit, auch wenn sie nicht immer im Leben der-Völker gleich sichtbar in Erscheinung treten sollte. Einmal kommt die Stunde, in der Weltgeschichte zum Weltgericht wird!
Sagen und Märchen haben nur scheinbar in diesen Tagen ihren Sinn verloren. In Wirklichkeit sind sie nach wie vor geheime wurzelhafte Kräfte, die das Leben der Völker aus den unerkannten Tiefen speisen. Aus Dichtung und Mythus wird auch die lauteste und unmittelbarste Gegenwart gestaltet. Und wenn dieser Kampf einmal zu Ende sein wird, der heute an den Küsten Europas tobt und der uns ohne Gepäck und ohne Ballast, lediglich auf uns selbst und die Kraft unserer Herzen gestellt, gegen eine Hölle von Bomben und Flugzeugen stehen heißt, dann werden auch die Stimmen der Dichter und der Weissagung wieder laut, die wir vergessen haben und für welche auch die Sage von der Stadt Caen, die Geschichte von der Schuld und dem Untergang eines Weltreiches, nur ein Beispiel ist.
Kriegsberichter KURT KOELSCH