America at war! (1941–) – Part 3

Glodschey: Der Schauplatz der Invasion

Von Erich Glodschey

Wenn man den Schauplatz der jetzt erfolgten feindlichen Landung in Nordfrankreich auf der Karte betrachtet, dann wird es schnell klar, daß die Wahl des ersten Landungsplatzes stark von den Bedingtheiten des Seekrieges beeinflußt sein mußte. Wer nur die Entfernung zwischen der englischen und französischen Küste in Betracht zieht, mag sich vielleicht wundern, daß der Feind nicht die engste Stelle des Kanals, wo er nur 20 Seemeilen, also nicht einmal 40 Kilometer breit ist, zum ersten Sprung über die See gewählt hat. Ob sich die Landung in der Seinebucht nun als der Hauptstoß erweist oder was der Feind sonst an Landungen beabsichtigt, das muß sich noch erweisen. Für den ersten Stoß aber mußte der US-General Eisenhower danach trachten, möglichst viel Schiffsraum in greifbarer Nähe bereitzustellen und eine möglichst starke Unterstützung durch schwere Seestreitkräfte zu erlangen. Die Bereitstellung von Schiffsraum erfordert entsprechende Reeden und Häfen. Der Einsatz von schweren Seestreitkräften verlangt eine gewisse Bewegungsfreiheit. Dies ist in der Mitte und in der Westhälfte des Kanals in höherem Maße gegeben als an der Kanalenge, wo die Küstenbatterien über die Meeresstraße von Dover und Calais hinwegschießen.

Im Osten des Kanals bot nur die Themsemündung genügenden Raum für die Bereitstellung größerer Landungsflotten, denn die Häfen im Raume von Dover bis nach Brighton sind nur klein und im Wesentlichen auf den Verkehr der Eisenbahnfähren und Seebäderdampfer zugeschnitten. Von der Mitte des Kanals nach Westen aber sind von Portsmouth und Southampton über Portland nach Plymouth große Häfen vorhanden, die meist an tiefen Buchten liegen. Im Raume zwischen diesen Häfen und der französischen Küste, besonders der Seinebucht und der Bucht von St. Malo, entwickelte sich in den letzten Monaten eine Seekriegstätigkeit von zunehmender Stärke. Häufige Schnellbootunternehmungen und ein reger Minenkrieg zeugten davon. Dazu kam auf der feindlichen Seite das Erscheinen größerer Zerstörer und auch Kreuzer, besonders Flakkreuzer, die dort bisher nicht aufgetreten waren. Die heftigen Gefechte deutscher Torpedoboote und Schnellboote mit diesen Schiffen führten in den letzten Monaten zu manchen schönen Versenkungserfolgen.

Besonders trat in den- Meldungen die Insel Wight hervor, hinter der eine weite Reede liegt, deren schmale Zugänge einen guten militärischen Schutz und eine Deckung gegen schlechtes Wetter auf See bieten. Wie erinnerlich, war es im April eine Mitteilung des Wehrmachtberichtes über die Bombardierung feindlicher Schiffsansammlungen hinter der Insel Wight, die sehr frühzeitig auf das jetzt umkämpfte Seegebiet des ersten Abschnittes der Invasion die Aufmerksamkeit lenkte. Dies kennzeichnete die Wachsamkeit der deutschen Führung.

Von der Insel Wight zur Halbinsel Cotentin, wo zwischen den Kaps Barfleur und de la Hague der große Hafen Cherbourg liegt, ist der Kanal etwa 55 Seemeilen oder 100 Kilometer breit. Von der Halbinsel Cotentin schlingt sich dann in flachem Bogen ostwärts die weite Seinebucht bis zur Mündung der Seine mit dem großen Hafen Le Havre. Die Entfernung vom inneren Teil der Seinebucht bis zur englischen Küste beträgt 80 Seemeilen oder 150 Kilometer. Dieser Raum gestattet also die Entwicklung schwerer Seestreitkräfte, von denen jetzt eine Anzahl Schlachtschiffe außer Kreuzern und Zerstörern zur Seitendeckung der feindlichen Landungsflotte eingesetzt worden ist. In diese Masse von Schiffen, die sich zur Tarnung in starkem Maße des künstlichen Nebels bediente, sind die deutschen Torpedoboote und anderen leichten Seestreitkräfte in der Nacht der ersten Landung schon frühzeitig hineingestoßen.

Besonderen Wert hat der Feind zweifellos auf einen ausgedehnten Schutz der Seestreitkräfte und Landungsfahrzeuge aus der Luft gelegt. Auch dieser Schutz ist übrigens stark vom Wetter auf See abhängig. Auf jeden Fall hat schon das erste Landungsunternehmen an der nordfranzösischen Küste den Feind vor viel schwerere Aufgaben gestellt als bei seinen Landungen in Nordafrika und Süditalien oder gar auf den kleinen Pazifikinseln, wo er eine gewaltige örtliche Überlegenheit auf kleinem Raum konzentrieren konnte. Leichten Herzens werden sich die feindlichen Schlachtschiffe und Kreuzer bestimmt nicht in den Kanal begeben haben, der auch an seinen breiten Stellen für die schweren Seestreitkräfte ein enges Gewässer bleibt.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Engländer und Nordamerikaner von Moskau gedrängt worden sind, alle ihre verfügbaren. Kampfmittel auch zur See für das Landungsunternehmen in Westeuropa einzusetzen. Seit Jahren haben sie ihre Werften auf Hochtouren arbeiten lassen, um Tonnage an Kriegs- und Handelsschiffen und Landungsfahrzeugen zu schaffen, um für die Landung und die Nachschubaufgaben gerüstet zu sein. Die Anglo-Amerikaner standen jedoch dabei unter der Belastung der vorangegangenen Schiffsverluste von vielen Millionen Bruttoregistertonnen durch den deutschen Unterseebootkrieg, dessen Erfolge die feindlichen Landungstermine erheblich verzögert haben. Dadurch wurde Zeit für die deutschen Abwehrvorbereitungen gegen die Invasion gewonnen. Ferner hat die Bindung feindlicher Kriegs- und Handelsschiffe im Pazifischen Ozean ihren Einfluß ausgeübt.

Das ganze weltweite Geschehen des Seekrieges im Atlantik wie im Mittelmeer, im Indischen Ozean und im Pazifik bleibt verbunden mit dem harten Kampf, der nun am Kanal begonnen hat und in dem alle drei Teile der deutschen Wehrmacht in einem entscheidenden Abschnitt des Krieges ihre Zusammenarbeit bewähren.