America at war! (1941–) – Part 3

Lohnforderungen am laufenden Band –
Roosevelts Schwierigkeiten immer größer

Von unserer Stockholmer Schriftleitung

dr. th. b. Stockholm, 29. Dezember –
Die innere Lage in den Vereinigten Staaten bleibt auch nach dem Eingreifen Roosevelts in den Streik der Stahlarbeiter und der militärischen Abwendung des drohenden Eisenbahnerstreiks weiter gespannt. Schon ist der Verband der Automobilarbeiter, der Hunderttausende von Mitgliedern umfaßt und dem die Arbeiter in den Flugzeugfabriken und Panzerwerkstätten unterstehen, mit neuen Lohnforderungen aufgetreten, dem sich auch 330.000 Arbeiter in der Bekleidungsindustrie angeschlossen haben.

Als besonders bedenklich wird es in Washington und Neuyork bezeichnet, daß der Präsident selbst von seinem Stabilisierungsprogramm abgewichen ist, als er im Gegensatz zu dem Beschluß des Kriegsarbeitsamtes einer rückwirkenden Aufbesserung der Stahlarbeiterlöhne zustimmte, um die Wiederaufnahme der Arbeit in der Stahlindustrie zu sichern. Bis jetzt sind aber erst wenige Arbeiter wieder zur Arbeit erschienen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sich Roosevelt auch in der Stahlindustrie genötigt sehen wird, militärische Machtmittel einzusetzen. Vorläufig sehen die Arbeiter das Zurückweichen des Präsidenten geradezu als eine Aufforderung zu neuen Lohnerhöhungen an. In kürzester Frist sei, so meldet Svenska Dagbladet, die Stahlproduktion in den Vereinigten Staaten auf den tiefsten Stand seit Bestehen des amerikanischen Rüstungsprogramms gesunken.

Die amerikanischen Kriegsgewinnler und ihre Presse versuchen zwar, Stimmung gegen die Forderung der Arbeiterschaft mit der Begründung zu machen, daß die amerikanischen Soldaten an der Front kämpften, während die Arbeiter nur an Lohnerhöhungen dächten. Dieser Behauptung steht allerdings die Tatsache gegenüber, daß die Arbeiter am Kriege nichts verdienen und die von ihnen gestellten Forderungen nur darauf zielen, die Löhne den immer weiter steigenden Preisen anzupassen. Dafür ziehen Rüstungsindustrie und Wall Street sowohl aus den gesteigerten Preisen wie aus den niedrigen Löhnen gleichzeitig Nutzen.

Ein unangenehmes Verlangen

Einig ist sich die amerikanische Öffentlichkeit in der wachsenden Erkenntnis, daß Roosevelt wie im Frieden nun auch im Krieg auf wirtschaftlichem Gebiet völlig versagt hat. Bezeichnend ist ein Aufsatz in der New York Herald Tribune, in dem der Präsident scharf angegriffen wird und in dem es heißt, der Verlauf der Lohnkrise habe bewiesen, daß es Roosevelt nur um seinen persönlichen Einfluß gehe. Während des ganzen Krieges habe Roosevelt es immer wieder zugelassen, daß sein persönliches Ansehen bei den Arbeitern praktisch die einzige stabilisierende Kraft im Wirtschaftsleben der Nation war. Wenn sein Ansehen diese Probe überlebte – es sei schon gefährlich ramponiert – werde es nicht ausreichen, um das Land durch die Stürme zu führen, die noch vor ihm liegen. Denn dieses Land müsse noch weiter für den Krieg mobilisiert werden, und das könne nur durch eine allgemeine Dienstpflicht geschehen.

Mit der Forderung nach Einführung der allgemeinen Dienstpflicht wirft die republikanische New York Herald Tribune Roosevelt einen recht unangenehmen Knüppel zwischen die Beine. Denn es handelt sich dabei um eine Forderung, die von der Arbeiterschaft immer wieder abgelehnt wurde, weil diese mit Recht befürchtet, daß die allgemeine Dienstpflicht nicht der Nation, sondern wiederum nur den Rüstungsgewinnlern zugutekommen könnte.

Schrei nach neuem Programm

dnb. Genf, 29. Dezember –
In einer Pressekonferenz nahm Roosevelt zu den kritischen Äußerungen über seinen kürzlichen Vorschlag Stellung, daß „der New Deal“ beendet werden sollte. Der Präsident gab einen langen Überblick über das innenpolitische Programm des New Deal und meinte, jetzt brauche er ein neues Programm, um nach dem Krieg mit der neuen Lage fertig zu werden. Damit gab Roosevelt das Scheitern seines New-Deal-Programms offen zu. Was er aber nicht sagte ist, daß er sich über das Fiasko durch eine maßlose Aufrüstung hinwegrettete, durch die schließlich das Land in den Krieg getrieben wurde.

‚Defätistische Mystik‘ im Volke

v. m. Lissabon, 29. Dezember –
Wie New York Times zu berichten weiß, habe die innere Gleichgültigkeit der amerikanischen Massen gegenüber dem Krieg Ausmaße erreicht, welche die Regierung beunruhigten. Radio Boston stellte der Weihnachtsrede Roosevelts folgende Bemerkung nach:

Soeben hat uns der Präsident die Errichtung der zweiten Front für 1944 und damit eine Unzahl von Opfern angesagt. Wir werden zu bluten und zu leiden haben und täten gut, uns schon jetzt seelisch darauf vorzubereiten, anstatt an der Wirklichkeit des Krieges vorbeizuleben. Siege werden in der Geschichte nicht verschenkt und auch nicht nur mit einer großen Produktion erkauft. Wir sollten weniger Wahrsager konsultieren und mehr auf die Fachleute hören, die Hitlers und Hirohitos gewaltige Kriegsmacht richtig beurteilen und einschätzen können.

Diese realistischen Auslassungen stellen den Beginn der großen agitatorischen Aktion dar, die Roosevelt nach seiner Heimkehr mit seinem Reklamechef Elmer Davis verabredete, um der wachsenden Kriegsmüdigkeit der Yankees entgegenzuwirken. Diese brennend notwendig gewordene Aufrüttelung wurde auf Grund eines ausführlichen Rapports des Leiters der Bundessicherheitsbehörde Edgar Hoover beschlossen. Dieser faßt in diesem Bericht Wahrnehmungen und Erfahrungen seiner Beamten im gesamten amerikanischen Bundesgebiet zusammen, übereinstimmend stellten diese von der amerikanischen Bevölkerung fest: Wachsende Indolenz gegenüber jeder Form der Kriegsanstrengung, weil immer lauter gesagt werde, daß ein Sieg wie im letzten, so auch in diesem Weltkrieg nur Früchte für den Kapitalismus tragen könne; wachsende Zunahme des Fatalismus, des Aberglaubens, weil die Menschen eher geneigt sind, mehr Prophezeiungen als Zeitungsberichten Glauben zu schenken; einen gefährlichen Ruck nach links in der gesamten öffentlichen Meinung Amerikas unter gleichzeitiger Steigerung der bolschewistischen Agitation, welche sich im Schatten der kriegsbedingten Verwilderung der Sitten und der niedrigen Moral sehr geschickt ausbreite.

So etwa sieht das „Großwerden der defätistischen Mystik“ aus, welches Edgar Hoover so große Kopfschmerzen bereitet.