America at war! (1941–) – Part 3

Viel Getue um die angebliche Invasion –
Neue Generale und neue Reden

Von unserem Berner Berichterstatter

b—r. Bern, 28. Dezember –
In London wurde bekanntgegeben, daß Luftmarschall Sir Artur Tedder zum Stellvertreter des Generals Eisenhower im Kommando über die für die Invasion in Europa bestimmten amerikanischen und britischen Truppen ernannt Worden ist.

Daß ein Engländer für diesen Posten gewählt werden würde, war sicher, dagegen kommt die Ernennung eines Offiziers der Luftwaffe ziemlich unerwartet. Sie wird als Hinweis darauf empfunden, wie wichtig der Anteil der Luftwaffe bei den angeblich geplanten Operationen genommen wird. Tedder hat bisher unter Eisenhower die anglo-amerikanischen Luftstreitkräfte im Mittelmeer befehligt. Er gilt als Erfinder der berüchtigten Methode des sogenannten „Bombenteppichs,“ bei dem eine große Anzahl von Kampfflugzeugen über einem bestimmten, abgegrenzten Gebiet gleichzeitig ihre Bomben abwerfen, ohne im Einzelnen auf Ziele zu achten.

Der Mann für den Balkan

In London wurde ferner bekanntgegeben, daß an Stelle des Generals Sir Henry Maitland Wilson, der zum Oberbefehlshaber im ganzen Mittelmeergebiet ernannt worden ist, General Sir Bernard Paget das Kommando im Nahen Osten übernimmt. Er wird Wilson unmittelbar unterstellt sein. Paget war in den letzten zwei Jahren Oberbefehlshaber der in Großbritannien stehenden britischen Streitkräfte und hatte als solcher auch deren Ausbildung für die Zwecke der Invasion zu leiten. Seine einzige praktische Erfahrung im gegenwärtigen Kriege war das Kommando über die britischen und französischen Truppen, die 1940 bei Andalsnes in Norwegen gelandet wurden, sich aber nach sehr kurzer Zeit wieder zurückziehen mußten. Man weist in England darauf hin, daß Paget in seiner neuen Stellung gegebenenfalls die Invasion auf dem Balkan zu leiten hätte.

General Eisenhower hat der Presse vor seiner Abreise nach England in Algier Erklärungen abgegeben, in denen Großsprecherei und falsche Bescheidenheit sich seltsam mischten. Interessant war seine Bemerkung, daß das Heer der französischen Emigranten in möglichster Stärke bei den geplanten verlustreichen Operationen eingesetzt werden soll. Die Frage, ob dieses Kanonenfutter aus Nordafrika unter dem Kommando Girauds stehen werde, wollte Eisenhower lieber nicht beantworten, da die Verhältnisse in der französischen Dissidenz zu unklar seien. Auch General Montgomery, der die britischen Truppen befehligen soll, gab ein Interview, in dem er die Notwendigkeit engster Zusammenarbeit zwischen Heer und Luftwaffe betonte.

Der republikanische USA-Senator für den nordamerikanischen Staat Montana Burton K. Wheeler erklärte, daß Roosevelt anscheinend die westeuropäische Invasion gegen den Willen Englands durchsetzen wolle und damit ein gewagtes Spiel beginne.

Zur Feststellung des USA-Senators Johnson, wonach 73 Prozent der Invasionsarmee aus nordamerikanischen Truppen bestehen sollen, betonte Wheeler, daß er glaube, für das nordamerikanische Volk zu sprechen, wenn er den Verantwortlichen rate, sich genau zu überlegen, ob die nordamerikanische Jugend dieses gewaltige Blutopfer bringen solle oder könne. Seiner Auffassung nach sei der vorgesehene Prozentsatz nordamerikanischer Truppen an den Invasionsoperationen viel zu groß.

Der brasilianische Botschafter in Uruguay teilte mit, daß zwei brasilianische Divisionen bereits im Jänner an die europäische Front abgeschickt werden sollen. Offiziere aus Uruguay sollen sich dieser Expedition anschließen. Über den Kampfwert dieser Streitmacht gibt man sich aber wohl selbst im Lager der Anglo-Amerikaner keinen Illusionen hin.


Englische Kritik am englischen Volk

dnb. Genf, 28. Dezember –
Selbstzufriedenheit, das sei das Charakteristikum der britischen Öffentlichkeit von heute, bemerkt New Statesman and Nation.

Bei den furchtbaren Begleiterscheinungen einer Westoffensive, bemerkt das Blatt hiezu, „ist eine derart triviale Einstellung wirklich abscheulich.“ „Besonders abstoßend wirkt dieses Bild vom England der Gegenwart auf die Soldaten, die aus Italien kommen,“ denn sie erzählen über katastrophale Zustände in Süditalien. Man vermöge sie kaum zu schildern, ein völliger Zusammenbruch, keine Spur von Kultur mehr sei in Süditalien vorhanden, keine Führung, keine Hoffnung auf die Zukunft.

Das britische Volk weise sehr viele fundamentale Schwächen auf, meint die englische Wochenschrift The Leader. Die „Massenstupidität“ gehöre zu den Hauptschwächen dieser Art. Hand in Hand mit der Stupidität gehe die Gleichgültigkeit. Sie unterstütze den Wunsch weiter englischer Bevölkerungsschichten, den Krieg zu vergessen, sich keine Sorgen mehr um ihn zu machen. Wenn man das alles in Rechnung stelle, könne einem Um die Zukunft des englischen Volkes angst und bange werden. Es bestehe die ernste Gefahr, daß Großbritannien zur Bedeutungslosigkeit absinke. Viele Rivalen warten schon auf dieses Ergebnis.