Operation OVERLORD (1944)

Kurschat: Das Aushalten an der Ostfront erhält seinen Sinn

pk. Die Invasionsschlacht um Westeuropa hat begonnen! Wie ein Lauffeuer dringt diese Nachricht in den Mittagsstunden des 6. Juni durch die Stellungen unserer Grenadiere an der östlichen Abwehrfront gegen den Bolschewismus. Die gespannten Erwartungen der bevorstehenden Ereignisse haben sich aufgelöst in ein tiefes Gefühl der Erleichterung. Keiner unserer Ostfrontgrenadiere unterschätzt den Ernst der Lage und die Schwere der Aufgaben, die den Kameraden an der Kanalfront aufgebürdet sind. Keiner aber verkennt auch, daß der Invasionsbeginn das Heranreifen der endgültigen Entscheidung über Sieg und Niederlage in diesem Weltringen gewaltig vorantreibt.

Ohne Zweifel steht der Invasionsbeginn mit der augenblicklichen Lage an der Ostfront in ursächlichem Zusammenhang. Das eherne Halt, das unsere Ostgrenadiere den durch den Wintervormarsch maßlos gewordenen Sowjets von Narwa bis zum unteren Dnjestr boten, unsere glänzenden Abwehrerfolge an der Südfront – die Zerschlagung des bolschewistischen Großangriffs beiderseits Tigins, die Bereinigung der Brückenköpfe von Butor und Rascäti und der Flußschleife von Koschnitze und endlich die deutsch-rumänischen Angriffserfolge nördlich Jassy – ließen gewiß die Forderung Stalins nach der Invasion in Westeuropa in den letzten Wochen immer dringender werden. So mußte sich das alliierte Oberkommando endlich bequemen, dem Befehl des Kremls zu folgen und in das Blutbad der Invasion zu steigen.

Die gefährlichen Entwicklungen dieses Winters an der Ostfront erhalten durch den Auftakt der Entscheidungsschlacht in Westeuropa ihren Sinn. Wie oft haben sich die deutschen Grenadiere im Süden der Ostfront während der schwerwiegenden Absetzbewegungen vom Unterlauf des Dnjepr über Ingulez, Ingul und Bug zum Dnjestr gefragt, ob es keinen Ausweg gebe, die rückläufigen Bewegungen aufzuhalten. Einige frische Divisionen hätten Entscheidendes erreichen können, und jeder wußte, daß im Westen ein ganzes Heer bestausgerüsteter, ausgeruhter Verbände lag. Manchmal wollten sich in die Herzen jener fast bis zur Erschöpfung kämpfenden Soldaten Zweifel einschleichen an das Sinnvolle des Opfers, das sie Tag für Tag bringen mußten. Aber sie fanden in den Stellungen am unteren Dnjestr das Bewußtsein ihrer eigenen Stärke wieder, wenn auch mancher sich vielleicht fragen mochte: War die Freigabe riesiger Gebiete wirklich gerechtfertigt? Wäre durch den Einsatz von Westreserven nicht doch die Lage im Osten früher zu stabilisieren gewesen?

Die Ostfront hat die ihr vom Führer gestellte Aufgabe auch ohne die Hilfe der Divisionen des Warteheeres im Westen lösen können. Eine Auslese von hervorragenden Offizieren und in allen Feuern des Winterkrieges zu Stahl gehärteten Männern hat einem vielfach überlegenen Gegner getrotzt. Und nun sehen diese Männer, die so lange vergeblich in der scheinbaren Sinnlosigkeit einen Sinn suchten, warum der Führer in rücksichtsloser Entschlossenheit den Osten zugunsten der drohenden Invasionsfront hintanstellen mußte. Nun erkennen sie das geschichtliche Verdienst, das sie sich um die Schonung der Westreserven erworben haben, und sagen sich mit berechtigtem Stolz, daß es nicht zuletzt ihrem winterlichen Aushalten zuzuschreiben ist, daß heute eine ungeschwächte Abwehr der anglo-amerikanischen Invasionsarmeen entgegentreten kann. Die Grenadiere der Ostfront verfolgen den Kampf ihrer Kameraden mit den heißesten Wünschen. Geht es diesmal doch nicht um eine Entscheidung auf einem Teilgebiet des Krieges, sondern eben um das letzte Wägen, ehe es die Siegesschale niedersinken läßt. Es ist der feste Glaube der Ostfront, daß die Kameraden im Westen bei diesem Wägen nicht zu leicht befunden werden. Denn die Männer, die heute an der Kanalküste stehen, sind ja fast durchweg zunächst durch die Schule des Ostkrieges gegangen, die beste Schule, die einem Soldaten zuteilwerden und die auch das intensivste „Invasionstraining“ nicht wettmachen kann.

Kriegsberichter HEINRICH KURSCHAT