Operation OVERLORD (1944)

Seit vier Wochen abgeschnitten –
Die 5.000 Höhlenbewohner von Caen

Paris, 17. Juli –
Über die furchtbaren Leiden der früheren Bewohner von Caen, die unter den Einwirkungen der Kämpfe in der Normandie zu modernen Höhlenbewohnern geworden sind (wir berichteten darüber in unserer Ausgabe vom 14. Juli unter dem Titel „Die Minen des Elends“), werden jetzt weitere Einzelheiten bekannt. Nachdem Caen durch das anglo-amerikanische Luftbombardement völlig zerstört worden ist, halten sich etwa 5.000 der früheren Bürger der Stadt seit vier Wochen in Felsenhöhlen auf. Diese sind in das Steilufer des Orneflusses, südwestlich von Fleury, getrieben worden. Unter den Flüchtlingen befinden sich 400 Männer und Frauen eines Altersheimes, 250 Kinder und zehn Geisteskranke. Die Flüchtlinge hatten gehofft, nach den ersten Tagen des Bombardements wieder in ihre Stadt zurückkehren zu können.

Zehn Tage später jedoch lagen die Grotten von Fleury und mit ihnen ihre 5.000 Bewohner im Niemandsland der Front. Ringsum schlugen die schweren Granaten der anglo-amerikanischen Schiffsartillerie ein und die Flugzeuge der „Befreier“ vernichteten nicht nur jeden Bauernhof, sondern zielten auch auf jeden Wagen und auf jeden Menschen, der sich irgendwo sehen ließ.

So wurden die 5.000 völlig von der Außenwelt abgeschnitten und sind es bis zum heutigen Tage. Die französische Nationalhilfe konnte nur zwei fahrbare Küchen einsetzen, deren Mannschaften unter Lebensgefahr immer wieder Nahrungsmittel nach den Höhlen schaffen. Aber diese Hilfe reicht nur für einige Hunderte der Eingeschlossenen. Hunger, Krankheit und Tod sind deshalb in die Grotten eingezogen. Da ein Abtransport der Leichen unmöglich ist, mußte man sich darauf beschränken, diese am Eingang der Grotten aufzuschichten; es sind bereits mehrere hundert.

Der Stadtschreiber von Caen, einer der wenigen Beamten, die in den Höhlen geblieben sind, erklärte:

Wir wissen nicht, wohin wir die Leichen bringen sollen. Mit vorgehaltenen Tüchern laufen die Leute durch den von zwei Leichenbergen gebildeten Gang ins Innere der Höhlen, Beleuchtung kann mit Hilfe der Lichtmaschine nur je eine Stunde mittags und abends geliefert werden. Während dieser Zeit nimmt man dann auch in dem improvisierten Operationssaal die allernotwendigsten chirurgischen Eingriffe vor. Viele der 250 Kinder, die bewegungslos und eng zusammengedrängt auf den mehr und mehr verfaulenden Strohlagern liegen, sind Waisen, denn die Trümmer von Caen sind zu Gräbern ihrer Eltern geworden.

Der Hunger hat die Menschen wiederholt dazu getrieben, sich ins Freie zu wagen und nach Kartoffeln zu suchen. Wie der Stadtschreiber berichtet, kommen von zehn solcher Leute in der Regel nur drei zurück. „Ein Abtransport der Eingeschlossenen ist unmöglich, da es keine Verkehrsmittel und Brücken mehr gibt und außerdem das ganze Gebiet unter ständigem Artilleriefeuer liegt.“