Operation OVERLORD (1944)

Innsbrucker Nachrichten (June 24, 1944)

Amerikanischer Angriff auf den Festungshafen Cherbourg

Anschwellen der Kämpfe an der mittleren Ostfront – heftige Kämpfe in Italien – London weiterhin unter dem Störungsfeuer

rd. Berlin, 23. Juni –
Der erwartete Großangriff der Amerikaner gegen Cherbourg hat verhältnismäßig früh eingesetzt, weil der Feind es offenbar nicht für notwendig gehalten hat, das Eintreffen schwerer Artillerie abzuwarten, sondern sich auf die Reichweite seiner Schiffsgeschütze und auf den Einsatz starker Luftstreitkräfte verlegt. Nach heftigen Bombardements traten amerikanische Truppen in großer Zahl von Süden nach Norden gegen die Landfront der Festung an und stießen hierbei auf die ersten deutschen Widerstandsnester der Festungsfront. Damit kam aber der Feind gleichzeitig in den Bereich der Cherbourger Küstenbatterien des Heeres und der Kriegsmarine, die den Angreifern starke Verluste beibrachten. Aus der Eile, mit der der Feind seinen nunmehrigen Angriff vortragt, ist ersichtlich, dass der Besitz eines Hafens zu den dringendsten Voraussetzungen der Invasionsarmeen gehört.

Cherbourg ist keine große Stadt, sie zählte vor dem Kriege nur rund 40.000 Einwohner und ihre Bedeutung liegt einzig in dem Kriegs- und Handelshafen, den die großen Überseelinien berühren. Die Stadt liegt am Ende einer breiten Bucht, die durch einen gewaltigen künstlichen Damm abgeriegelt und gegen Sturmfluten geschützt ist. Im Süden, also nach der Landseite zu, wird Cherbourg durch Höhenzüge beherrscht.

An der italienischen Front Hat sich der Angriff nunmehr über die gesamte Frontbreite etwa auf der Höhe von Grosseto ausgedehnt. Die Kämpfe mit unseren Nachhuttruppen find heftig und brachten dem Feind nur geringe Geländegewinne ein. Seine riesigen Verluste im Italien-Feldzug gehen aus der Zusammenstellung des OKW-Berichtes hervor, wonach seit Beginn des feindlichen Großangriffes in Italien 1.046 feindliche Panzer vernichtet oder erbeutet worden find.

Auch an der Ostfront ist das erwartete Anschwellen der Kampfhandlungen im mittleren Abschnitt eingetreten. Hier haben die Sowjets ihre seit langem schon vorbereiteten Angriffe mit Offensivhandlungen eingeleitet, die der Auftakt neuer schwerer Kämpfe an der Ostfront sein durften. Als Hauptbrennpunkt werden vorläufig die bereits bekannten Kampffelder bei Witebsk und nördlich Ostrow genannt, wo jedoch alle Feindangriffe bisher abgewiesen werden konnten. Die an der Südfront im Osten erkannten Bereitstellungen lassen darauf schließen, dass es sich bei den Angriffen im mittleren Abschnitt vorerst um feindliche Fesselungsversuche handelt, denen jedoch der feindliche Hauptstoß im Süden der Ostfront alsbald folgen dürfte. Die deutscherseits getroffenen Vorbereitungen gegen die erwarteten Angriffe der Sowjets find umfangreich, so dass die feindliche Offensive auf eine harte und entschlossene Abwehr stoßen wird.

London, die britische Hauptstadt, lag weiter unter dem Störungsfeuer der neuen deutschen Waffe, die mit nur geringfügigen Unterbrechungen Tag und Nacht auf das politische und militärische Zentrum dieses Krieges gegen Deutschland einwirkt.

K. S.